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Bibliographie / Rezensi0nen
Unsere Bibliothek der wichtigen B├╝cher

Buchbesprechungen und Filmkritiken

Im Aufbau...

├ťbersicht

Hier im Anschluss:

1. Kurzinfos und Links zu Kritiken auf anderen Websites

2. Buchbesprechungen (hier auf der Seite):

1. Marion Kaplan (Hg.): Geschichte des j├╝dischen Alltags. Vom 17. Jahrhundert bis 1945, M├╝nchen, C.H. Beck, 2003.
2. Deutsch-J├╝dische Geschichte in der Neuzeit. Herausgegeben im Auftrag des Leo Baeck Instituts von Michael A. Meyer unter Mitwirkung von Michael Brenner. Bd. III und IV, 1997. (hier)

Fortsetzung Buchbesprechungen auf Seite 2:
1. Peter G. J. Pulzer: Die Entstehung des politischen Antisemitismus in Deutschland und ├ľsterreich 1867 bis 1914, G├Âttingen 2004.
2. Avraham Barkai: "Wehr Dich!”. Der Centralverein deutscher Staatsb├╝rger j├╝dischen Glaubens (C. V.) 1893-1938, M├╝nchen, C.H. Beck, 2002.
3. Dietz Bering: Kampf um Namen: Bernhard Wei├č gegen Joseph Goebbels, Stuttgart, Klett-Cotta, 1991.
4. Hannes Ludyga: Die Rechtsstellung der Juden in Bayern von 1819 bis 1918. Studie im Spiegel der Verhandlungen der Kammer der Abgeordneten des bayerischen Landtags. Berlin, Berliner Wissenschafts-Verlag, 2007 (Juristische Zeitgeschichte, Abt. 8: Judaica, Bd.3)
5.
Falk Wiesemann: Judaica bavarica. Neue Bibliographie zur Geschichte der Juden in Bayern, Essen, Klartext Verlag, 2007.
6. Wege in die Vernichtung. Die Deportation der Juden aus Mainfranken 1941-1943. Begleitband zur Ausstellung des Staatsarchivs W├╝rzburg und des Instituts f├╝r Zeitgeschichte M├╝nchen-Berlin in Zusammenarbeit mit dem Bezirk Unterfranken. Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns, M├╝nchen 2003.

Fortsetzung Buchbesprechungen auf Seite 3:
1. Anthony D. Kauders: Unm├Âgliche Heimat. Eine deutsch-j├╝dische Geschichte der Bundesrepublik. DVA M├╝nchen 2007.
2. Richard Mehler: Die Matrikelbestimmungen des bayerischen Judenedikts von 1813. Historischer Kontext – Inhalt – Praxis. Franconia Judaica. Herausgegeben vom Bezirk Mittelfranken durch Andrea M. Kluxen und Julia Krieger. Band 6, Ergon Verlag, W├╝rzburg 2011.

 

Wird erweitert...


 

1. Kurzinfos und Links zu Kritiken auf anderen Webseiten

“Furchtbare Diplomaten” - Presseecho zur Ver├Âffentlichung ├╝ber das Ausw├Ąrtige Amt im Nationalsozialismus im Geschichtslehrerforum: hier.

Kritiken und Debatte zur Oskar Roehlers Film Jud S├╝├č - Film ohne Gewissen auf dem Geschichtslehrerforum: hier.

 

Wird erg├Ąnzt...


 

2. Buchbbesprechungen

Marion Kaplan (Hg.): Geschichte des j├╝dischen Alltags. Vom 17. Jahrhundert bis 1945, M├╝nchen, C.H. Beck, 2003, 638 S.

Mit sehr viel Vorschu├člorbeeren k├╝ndigt der Verlag das Werk als grundlegendes Buch zur Geschichte des j├╝dischen Alltags in Deutschland an, das die wechselvolle deutsch-j├╝dische Geschichte vom 17. Jahrhundert bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges schildert. Laut Klappentext er├Âffne es aus der Perspektive einer ÔÇ×Geschichte von unten“ einen faszinierenden Einblick in die Lebenswelt und Alltag der Juden. Die Voraussetzungen f├╝r ein derartiges Unterfangen sind durchaus g├╝nstig. Neben Marion Kaplan, Professorin an der New Yorker University, gewann das Leo Baeck Institut mit Robert Liberles, Steven M. Lowenstein und Trude Maurer durchweg renommierte Autoren und Autorinnen der deutsch-j├╝dischen Geschichte.

Das Buch wurde im Auftrag des Leo Baeck Instituts, das sich seit 1955 um die Erforschung und Bewahrung des historischen Erbes des deutschen Judentums k├╝mmert, herausgegeben und soll eine weitere ÔÇ×Dimension“ beisteuern zu der von Michael A. Meyer in den Jahren 1996 und 1997 herausgegebenen vierb├Ąndigen Gesamtdarstellung ÔÇ×Deutsch-j├╝dische Geschichte in der Neuzeit“. In der Epocheneinteilung folgen daher die Beitr├Ąge der bereits in der Gesamtdarstellung vorgenommenen Periodisierung. So behandelt Robert Liberles den Zeitraum von 1618 bis 1780, es folgen die Darstellungen Steven M. Lowensteins und Marion Kaplans, deren Z├Ąsuren die Jahre 1871 und 1918 bilden, sowie die Abhandlung Trude Maurers ├╝ber j├╝disches Alltagsleben in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus. F├╝r ihre jeweiligen Epochen handeln die vier Autorinnen und Autoren dieselben Themen in ├╝bersichtlichen Unterkapiteln ab: Lebensumfeld und Wohnformen, Familienleben, Erziehung und Bildung, Wirtschaftsleben, religi├Âses Leben und soziale Beziehungen.

Die Schilderung des j├╝dischen Alltags in Deutschland ├╝ber mehr als drei Jahrhunderte ist ein mehr als ambitioniertes Unterfangen. So betont auch Marion Kaplan in der Einleitung des Buches, dass dies nicht eine Zusammenfassung, sondern eher ein Vorwort und ein Ansto├č zur wissenschaftlichen Arbeit ├╝ber eine noch zu schreibende Geschichte des Alltags sei. Dennoch, das Ergebnis ist weithin beeindruckend und k├╝nftige Arbeiten auf dem Gebiet der Alltagsgeschichte der deutschen Juden werden sich an dem vorliegenden Werk orientieren. Dabei wird es hilfreich sein, dass die Autoren an verschiedenen Stellen auf bestehende Forschungsdesiderate hinweisen. So meint beispielsweise Liberles, dass ein neuer, systematischer Anlauf zur demographischen Erforschung der j├╝dischen Bev├Âlkerung unternommen werden sollte. (S. 23).

Die Autoren sind sich der Problematik des Aussagegehaltes und der Repr├Ąsentativit├Ąt ihrer Quellen f├╝r die makrohistorische Ebene bewu├čt. Die Vielfalt und Menge der Quellen, mit denen die einzelnen Autoren gearbeitet haben, war sehr unterschiedlich. Robert Liberles Darstellungen fu├čt zu weiten Teilen auf den ÔÇ×Memoiren der Glueckel von Hameln“, einer j├╝dischen Kauffrau, die von 1625 bis 1724 lebte. Warnend im Umgang mit den Quellen in puncto Familiengeschichte ├Ąu├čert er, dass die Beschreibung der Warmherzigkeit und des Zusammenhalts im traditionellen j├╝dischen Familienleben h├Ąufig geradezu utopische Formen annehme: ÔÇ×Nicht nur popul├Ąre, sondern auch zahlreiche wissenschaftliche Darstellungen zeigen eine idyllische Sichtweise, die eher auf den rabbinischen Vorschriften denn auf genauer Analyse der Realit├Ąt fu├čt“ (S. 38).

Steven M. Lowenstein verweist auf die Ungleichheit im Gleichzeitigen. So gab es beispielsweise in ein und demselben Ort oft betr├Ąchtliche Unterschiede in der Wohnsituation von Juden aus verschiedenen sozialen Schichten. Neben geographischer Lage und Klassenzugeh├Ârigkeit spielt die zunehmende religi├Âse Ausdifferenzierung unter j├╝dischen Gemeinden f├╝r die Darstellung in seiner Epoche eine wichtige Rolle. So ist auch sein Anliegen, ÔÇ×in Umrissen ein Bild“ (S. 125) zu zeichnen, das der Vielfalt j├╝dischen Alltagslebens gerecht wird. Seine au├čergew├Âhnlich angenehm zu lesende Darstellung enth├Ąlt eine Vielzahl anregender Detailinformationen, die er auch in Forschungsdiskussionen au├čerhalb der deutsch-j├╝dischen Geschichte einbettet. So verweist er die in den 1970er Jahren von Edward Shorter vertretene und vor allem in P├Ądagogenkreisen ├╝beraus popul├Ąre These, dass vor der Moderne aufgrund der hohen Sterblichkeitsrate die Gef├╝hlsbindung der Eltern an ihre Kinder nur sehr schwach ausgepr├Ągt gewesen sei, ins Reich der Legenden. Das vorhandene Material aus deutsch-j├╝dischen Familien best├Ątige solche Theorien genauso wenig die viele neuere Studien ├╝ber christliche Familien.

Marion Kaplan zeigt in ihrem Abschnitt u.a. wie zahlreiche Juden zwischen den Herausforderungen durch das ÔÇ×b├╝rgerliche Projekt“ einerseits und den Anforderungen der Bewahrung der Tradition andererseits eine neue Form j├╝dischen Lebens schufen, wobei die Zugeh├Ârigkeit zur j├╝dischen Familie und zum j├╝dischen Vereinsleben eine St├╝tze des Judentums wurde. Erhellend sind ihre Ausf├╝hrungen besonders dort, wo sie die deskriptive Ebene verl├Ąsst und die Analyse die notwendige Tiefensch├Ąrfe erh├Ąlt. So deutet sie beispielsweise die Zahlen der Mischehen, die mit Einf├╝hrung der Zivilehe 1875 m├Âglich erst m├Âglich waren, als Indikator f├╝r das Ausma├č sozialer Beziehungen zwischen Juden und Nichtjuden. W├Ąhrend jedoch die anderen Autoren sich vor Pauschalurteilen h├╝ten und die Reichweite ihrer Erkenntnis mit vorsichtigen Formulierungen umschreiben, wie beispielsweise ÔÇ×viele deutsche Juden“, hei├čt es bei Kaplan lapidar: ÔÇ×Juden nahmen am deutschen Bildungswesen und seinen Klassikern teil, sie sch├Ątzten die Ideale der deutschen Aufkl├Ąrung und sahen f├╝r sich einen Platz in einer aufgekl├Ąrten Gesellschaft“ (S. 275) oder ÔÇ×J├╝dische M├Ąnner beteiligten sich auch gern an ├Ârtlichen Sch├╝tzenvereinen, die einen leidenschaftlichen Nationalismus mit Kameradschaftsgeist verbanden.“ (S. 333). Hier w├Ąre eine sorgsamere Beschreibung w├╝nschenswert gewesen, da sonst anderweitig eine neue ahistorische folkloristische Sichtweise transportiert wird. Oder lag es etwa an der ├ťbersetzung oder am Lektorat? Unverst├Ąndlich ist zumindest, dass letzterem nicht aufgefallen ist, dass die im Text von Liberles zu findende numerische Gleichsetzung von 60 000 Juden in den deutschen Staaten im Jahre 1750 nie und nimmer einem Drittel der Gesamtbev├Âlkerung entsprechen kann (S. 22). Richtig ist vielmehr dagegen, dass der von Liberles zitierte Autor einen j├╝dischen Bev├Âlkerungsanteil von 0.3 Prozent in seinem Werk nennt.

Den wohl schwierigsten Part hat Trude Maurer ├╝bernommen, indem sie in ihrer Darstellung j├╝dischen Alltagslebens ├╝ber die allseits bekannte und gebr├Ąuchliche Z├Ąsur des 30. Januars 1933 hinausgeht und die beiden Zeitabschnitte Weimarer Republik und Nationalsozialismus zusammenf├╝hrt. Dies gelingt ihr ohne die Weimarer Republik zu einer reinen Vorgeschichte des Nationalsozialismus zu verk├╝rzen. Die sich daraus ergebende Lesart erm├Âglicht es, die Dramatik der Ver├Ąnderungen f├╝r die j├╝dische Bev├Âlkerung viel st├Ąrker zu erfassen. Lediglich bei dem Abschnitt ÔÇ×Antisemitische Gewalt“ setzt die Darstellung erst ab 1933 ein. Hier h├Ątte es der Darstellung gut getan, auch den Faden von der Weimarer Republik zur NS-Zeit zu spinnen.

Die in dem Buch aufgezeigte Vielfalt j├╝dischen Alltagslebens ist bestens dazu geeignet, bestehende stereotype Vorstellungen von ÔÇ×den Juden“ aufzubrechen. Dass es trotz aller Mannigfaltigkeit und der sich daraus ergebenden notwendigen Differenzierungen m├Âglich ist, ein Fazit zu ziehen, zeigen die am Ende eines jeden Unterkapitels gestellten knappen Schlu├čbetrachtungen. Diese sind eine ├╝beraus hilfreiche Orientierung f├╝r den Leser. Mit diesem Werk haben die Autoren und Autorinnen f├╝rwahr ein grundlegendes Buch abgeliefert.

Martin Liepach
Frankfurt

Zuerst erschienen in: Geschichte Politik und ihre Didaktik 32, 2004, Heft 1/2, S. 121-122

 

 

Deutsch-J├╝dische Geschichte in der Neuzeit. Herausgegeben im Auftrag des Leo Baeck Instituts von Michael A. Meyer unter Mitwirkung von Michael Brenner.
Band III: Umstrittene Integration 1871-1918. Von Steven M. Lowenstein, Paul Mendes-Flohr, Peter Pulzer und Monika Richarz.
Band IV: Aufbruch und Zerst├Ârung. Von Avraham Barkai und Paul Mendes-Flohr mit einem Epilog von Steven M. Lowenstein.
M├╝nchen, C.H.Beck, 1997, 428 S. bzw. 429 S.

Im 17. Band ihrer Sonderhefte (M├╝nchen 1997) widmete sich die altehrw├╝rdige Historische Zeitschrift dem Thema ”B├╝rgertum und b├╝rgerlich-liberale Bewegung in Mitteleuropa”. Auch wenn der Titel eine transnationale und komparative Perspektive verspricht, die diversen Aufs├Ątze beschr├Ąnken sich weitgehend auf Deutschland. Insgesamt res├╝mieren die Autoren in ihren Beitr├Ągen ausgiebig und sachkundig den derzeitigen Kenntnisstand, insbesondere in den Bereichen der B├╝rgertumsforschung und der Liberalismusforschung. In den kommenden Jahren werden Historiker dankbar zu diesem Sammelband greifen, wenn sie sich ├╝ber Spezialliteratur oder bestehende Forschungsdesiderate auf den Gebieten informieren m├Âchten. Doch fehlt da nicht etwas? Richtig, man vermi├čt fast vollkommen die Ausf├╝hrungen und die Bezugnahme zur deutsch-j├╝dischen Geschichte! Dabei veranstaltete die Friedrich-Naumann-Stiftung bereits im Jahr 1986 in Zusammenarbeit mit dem Leo-Baeck-Institute, London, ein internationales Seminar zum Thema  ”Das deutsche Judentum und Liberalismus” und der ”Verb├╝rgerlichungsproze├č” der deutschen Juden im 19. Jahrhundert und ihre daraus,  im idealtypischen Sinne, resultierende b├╝rgerlich gepr├Ągte Sozialstruktur lassen sie geradezu als Untersuchungsgruppe par excellence f├╝r die B├╝rgertumsforschung erscheinen.

Just zur richtigen Zeit erscheinen da die B├Ąnde 3 und 4 der Reihe ”Deutsch-j├╝dische Geschichte in der Neuzeit”, die ein seit vielen Jahren geplantes und nunmehr realisiertes Werk des Leo Baeck Instituts abschlie├čen. An der ersten Gesamtdarstellung der deutsch-j├╝dischen Geschichte waren Historiker aus Israel, Deutschland, Gro├čbritannien und den USA beteiligt. Die Zusammenstellung der Beitr├Ąge der allesamt ausgewiesenen Experten ihres Gebietes ergibt ein Bild inhaltlicher und methodischer Vielfalt. Richtet man spezifisch nur den Blick auf das Verh├Ąltnis Liberalismus und deutsch-j├╝dische Geschichte, so ist der Ertrag enorm.

F├╝r die Darstellung des politikgeschichtlichen Parts der ├ära des Deutschen Kaiserreiches war Peter Pulzer verantwortlich. Er beschreibt das Spannungsverh├Ąltnis zwischen rechtlicher Gleichstellung der Juden einerseits und der Handhabung der Praxis im ├Âffentlichen Leben andererseits, die Anf├Ąnge der antisemitischen Bewegung und die Reaktionen auf den Antisemitismus. Den Endpunkt seiner Abhandlungen markieren der Zerfall des Burgfriedens im Ersten Weltkrieg und eine Analyse der Situation der j├╝dischen Bev├Âlkerung am Vorabend der Revolution.

Pulzer beschr├Ąnkt sich nicht auf das Kerngebiet des Deutschen Reichs, sondern lenkt auch auf den Blick auf periphere Entwicklungen, beispielsweise in Posen oder in Elsa├č-Lothringen. Die geographische Definition deutsch-j├╝discher Geschichte fa├čt er, wie die meisten vertretenen Autoren, weit, also unter Einschlu├č ├ľsterreich-Ungarns. Gerade seine Vergleiche zwischen den Entwicklungen in der Habsburgermonarchie und im Deutschen Kaiserreich sind sehr erhellend und im besten komparativen Sinne gehalten.

Die Geschicke der Juden hingen eng mit dem schwankenden Einflu├č des Liberalismus zusammen. W├Ąhrend der liberalen Jahrzehnte waren sie in beiden Kaiserreichen zahlreicher und prominenter in der Politik vertreten als jemals zuvor. Von den siebzehn bekennenden Juden, die in dieser Zeit in den Reichstag gew├Ąhlt wurden, war einer ein Freikonservativer, sieben waren Nationalliberale, sechs Fortschrittliche und zwei waren Sozialdemokraten. Fast alle j├╝dischen Mitglieder des Reichsrats in dieser Phase geh├Ârten der Deutschliberalen Partei an. Doch Zahlen sind nicht gleichbedeutend mit Einflu├č. Mit der ”zweiten Reichsgr├╝ndung” ├Ąnderten sich die Rahmenbedingungen grunds├Ątzlich. W├Ąhrend jedoch die liberalen Kr├Ąfte in  Deutschland sich den Status einer ”koh├Ąrenten, wenngleich geschw├Ąchten Minderheit” (S. 267) zu erhalten wu├čte, hatten sie in ├ľsterreich praktisch zu existieren aufgeh├Ârt. Nach dem Sturz des liberalen Ministeriums Auersperg im Jahr 1879 folgten diverse Spaltungen und Neugr├╝ndungsversuche innerhalb des ├Âsterreichischen Liberalismus. Den Triumph des ├Âsterreichischen Antisemitismus sieht Pulzer auch darin begr├╝ndet, da├č die Antisemiten es mit einer schw├Ącheren und demoralisierteren liberalen Partei als in Deutschland und mit einer Sozialdemokratie, die bis 1890 kaum eine Organisation besa├č, zu tun hatte.

Den politikgeschichtlichen Faden Pulzers spinnt Avraham Barkai f├╝r die Zeitabschnitte der Weimarer Republik und das Dritte Reich weiter. Notwendigerweise verschieben sich in seiner Darstellung die Akzente. Im Vordergrund seiner Darstellung stehen zun├Ąchst die Zweifel an einer deutsch-j├╝dischen Erfolgsgeschichte, die abgel├Âst werden von dem Wissen um das gewaltsame Scheitern und das brutale Ende. F├╝r die Weimarer Republik f├Ąllt er denn auch sein Diktum ├╝ber die republiktragenden Parteien, die sich bem├╝hten, nicht allzu sehr als ”Judenschutztruppen” zu gelten und die liberalen Tageszeitungen, die um peinlichste ”Neutralit├Ąt” in j├╝dischen Belangen bem├╝ht waren. Trotz der immer wieder auftretenden Belastungen und Zumutungen im Verh├Ąltnis zwischen Liberalismus und Judentum, an einigen Stellen untersch├Ątzt Barkai den Stellenwert des Liberalismus f├╝r die deutsch-j├╝dische Bev├Âlkerung und folgt liebgewonnenen Standardinterpretationen. Der Reichsbund j├╝discher Frontsoldaten (RjF) soll in seiner Zeitschrift ‘Der Schild’ deutschnationale Auffassungen im Ton der nichtj├╝dischen vaterl├Ąndischen Veteranenvereine vertreten haben. Zu diesem Thema hatte bereits George L. Mosse auf der eingangs erw├Ąhnten Tagung 1986 angemahnt, da├č es n├Âtig sei, das liberale Potential des RjF, das im Gegensatz zu anderen Veteranenverb├Ąnden bestanden haben mag, genauer zu untersuchen. Ein Forschungsdesiderat, das bis heute besteht.

Wer sich f├╝r Philosophie und Geistesgeschichte interessiert, wird durch die beiden B├Ąnde gleichfalls umfangreich bedient. Paul Mendes-Flohr schildert die Entstehung neuer Richtungen im j├╝dischen Denken gegen Ende des 19. Jahrhunderts, den spezifischen Bewu├čtseinswandel, der sich im Schatten des Ersten Weltkriegs unter den Juden vollzog und der das Selbstverst├Ąndnis, die kulturellen und geistigen Bestrebungen der deutschen Judenschaft nachhaltig beeinflu├čte. Dar├╝ber hinaus widmet er sich dem j├╝dischen Kultur- und Geistesleben, analysiert das Verh├Ąltnis zwischen Christen und Juden und beschreibt die Bedeutung der Juden innerhalb der deutschen Kultur vor 1933.

Sehr viel Raum r├Ąumt Mendes-Flohr Hermann Cohen, einem der f├╝hrenden Denker des liberalen Judentums, ein. Dennoch bleibt das Bild der intellektuellen Bedeutungskraft Cohens letztendlich schemenhaft. Es scheint als diene der Marburger Philosophieprofessor nur als Kontrastfolie, vor der das kulturzionistische Bild Martin Bubers besonders hell leuchtet. Mendes-Flohrs ├äu├čerung ”Cohens Intention war ungeniert apologetisch”(Bd. 3, S. 343) ist eine fast vollkommene sprachliche ├ťbernahme des Vorwurfs Bubers in seiner Zeitschrift ”Der Jude” (1916), die neukantianischen Gedanken w├╝rden keinerlei R├╝stzeug zur L├Âsung der tagespolitischen Probleme bieten, sie seien zu dem manifest apologetischer Natur. Statt der ├ťbernahme alter Streitlinien und zeitgen├Âssischer Werturteile h├Ątte hier ein n├╝chterner und distanzierter Blick f├╝r mehr Klarheit gesorgt. Das hochkomplexe Spannungsgeflecht zwischen der realpolitischen Verortung Cohens als liberaler Jude und seinem ”ethischen Sozialismus” als Fluchtpunkt seiner Geschichtsphilosphie wird zudem nicht ausgeleuchtet. So bleibt Mendes-Flohr deutlich hinter den j├╝ngeren Forschungsergebnissen ├╝ber Hermann Cohen oder ├╝ber den Marburger Neukantianismus zur├╝ck.

Insgesamt wird jedoch das ├╝beraus schwierige Problem der Integration der j├╝ngsten Forschung recht gut gel├Âst. Steven M. Lowenstein n├Ąhert sich in seiner vorsichtigen und nuancierten Darstellung der komplexen Frage einer ”deutsch-j├╝dischen Symbiose”, Monika Richarz beschreibt differenziert die demographische Entwicklung der j├╝dischen Minorit├Ąt und diskutiert deren sozialstrukturelle Wandlung im Kaiserreich. Trotz der kleineren Einw├Ąnde, das breit angelegte thematische Spektrum der nunmehr vier vorliegenden B├Ąnde wird diese Sammlung zu einem Standardwerk werden lassen, das jeder zu Rate ziehen wird, wer auch immer in den kommenden Jahren etwas ├╝ber deutsch-j├╝dische Geschichte erfahren m├Âchte.

Martin Liepach
Frankfurt

Zuerst erschienen in: Jahrbuch f├╝r Liberalismusforschung 1998, S.309-312

 

 

 

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