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Peter G. J. Pulzer: Die Entstehung des politischen Antisemitismus in Deutschland und Österreich 1867 bis 1914. Vandenhoeck Rupprecht, Göttingen 2004, 381 S. 29,90 €
Warum wird ein wissenschaftliches Werk vierzig Jahre nach seinem erstmaligen Erscheinen erneut aufgelegt? Und ist nicht die Forschung zum politischen Antisemitismus über den damaligen Stand hinaus weitergegangen?
Peter Pulzer, Autor des vorliegenden Werkes, wurde 1929 in Wien geboren und lebt seit 1939 in Großbritannien. Dort ist er Gladstone Professor Emeritus of Government and Public Administration am All Souls College, Oxford, und Vorsitzender des Leo Baeck Instituts London. Es gibt kaum eine englisch- oder deutschsprachige Arbeit zum politischen Antisemitismus, die seiner Pionierstudie nicht direkt oder indirekt verpflichtet wäre, so kommentieren Dan Diner und Nicolas Berg im Nachwort die erweiterte Neuausgabe. Das Buch erschien zum ersten Mal auf englisch im Jahre 1964, zwei Jahre später die deutsche Fassung. Damit setzte der Autor einen Standard, der nicht nur die meisten Beiträge seiner Zeit hinter sich ließ, sondern auch häufig nicht mehr erreicht wurde.
Bemerkenswert ist bereits sein thematischer Zugriff im ersten Kapitel. Dieses widmet sich nicht wie vielleicht vom Titel erwarten ist, den Antisemiten, sondern vielmehr den Juden und ihrem gesellschaftlichen Umfeld. So konstatiert er eingangs: „Einer Studie des Antisemitismus, muß, wie kurz sie auch sei, eine Untersuchung der Menschen voraufgehen, gegen die er sich richtete“ (S. 69). Damit nahm Pulzer den Perspektivwechsel vorweg, der mittlerweile in der Didaktik für die Auseinandersetzung mit der Geschichte Juden in Deutschland eingefordert wird. Der sozialstrukturellen Skizze im ersten Kapitel folgt im nächsten Kapitel die Kernthese. Pulzer deutet den Antisemitismus als Gegenbewegung zum Liberalismus. Dabei möchte er den Liberalismus als umfassende Ideologie, „eine Gesamtheit sittlicher Qualitäten“, verstanden wissen. Anhand verschiedener Denkfiguren (z.B. Romantischer Konservatismus, Kult des Völkischen) belegt er die antiliberale Tendenz und Stoßkraft des Antisemitismus.
In zwei weiteren systematisch angelegten Kapiteln werden parallel jeweils die Entwicklungen in Deutschland und Österreich zwischen 1867 und 1900 geschildert, um dann die Darstellung in ein weiteres gemeinsames Kapitel über Deutschland und Österreich 1900 – 1914 münden zu lassen. In diesen Kapiteln werden die wichtigsten antisemitischen Vordenker und die Organisationsformen der Antisemiten vorgestellt, aber auch die Fragen nach der sozialen Trägerschaft des Antisemitismus, nach Aufstiegsbedingungen der antisemitischen Bewegungen oder dem Einfluss antisemitischen Gedankengutes auf politische Parteien und Verbände aufgegriffen.
Die intellektuelle Bandbreite dieses vierzig Jahre alten Werkes ist fürwahr beeindruckend und macht erklärlich, warum Pulzers Werk Ausgangpunkt für zahlreiche Spezialstudien wurde. Was würde Pulzer im Jahr 2004 anders schreiben? Pointiert bring er es auf die Formel: „Die ideologische Komponente des Nationalismus und der populären völkischen Bewegung, insofern sie zunehmend in der Bevölkerung verankert waren, sollte insgesamt stärker betont werden.“ (S. 50).
Die erweiterte Neuausgabe enthält eingangs einen 45seitigen Bericht über den aktuellen Forschungsstand. Kenntnisreich bilanziert Pulzer darin die Ergebnisse der vergangenen Jahre und skizziert die vielfältigen Fragestellungen. Deutlich wird, dass die Antisemitismusforschung von vereinfachenden Interpretationsmustern weit entfernt ist. Es gibt nunmehr viel verlässlichere Informationen über den in Parteien organisierten Antisemitismus, sowohl in Deutschland als in Österreich und es wird verständlicher, wie ungereimt der Inhalt der antisemitischen Propaganda und Rhetorik in sehr vielem war. Der wohl ergiebigste Teil der jüngsten historischen Forschung besteht in der Neubewertung der sich verändernden politischen und sozialen Struktur des Deutschen Reiches und Mitteleuropas in der Zeit von 1870 bis 1914. Diese macht deutlich, warum der moderne Antisemitismus „nur in einem Jahrhundert gedeihen [konnte], das vom Liberalismus bereits mit dem Grundsatz der Beteiligung des Volkes an der Regierung bereits vertraut gemacht worden war“ (S. 49). Trotz aller Unterschiede in der Interpretation sind sich die meisten Historiker darüber einig, dass der Antisemitismus in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg nicht mehr auf die etwas kläglichen Parteien und die antisemitisch beeinflussten Verbände beschränkt war.
Pulzer verweist auch auf weiterhin bestehende Forschungsdesiderate. Für den Antisemitismus in Österreich gebe es noch keine Darstellung, welche die unterschiedlichen antisemitischen Strömungen hinreichend gegeneinander abwägen würde. Auch ist die „Kontinuitätsfrage“ für ihn noch nicht beantwortet. Im Gegensatz zu einigen Autoren mag er schwerlich von einer Kontinuität des Antisemitismus seit 1848 oder dem Vormärz sprechen. Einen „modernen“ Antisemitismus gebe es erst, seit es „moderne“ Politik im deutschsprachigen Raum gebe, d.h. seit ca. 1870.
Der Forschungsüberblick wird durch 14 Seiten abgerundet mit Hinweisen auf empfehlenswerte Literatur zur Geschichte des Antisemitismus. Dieser Literaturüberblick ist nach thematischen und chronologisch orientierten Darstellungen geordnet und auf dem Stand gegenwärtigen Diskurses.
Die Neuausgabe des Buches ist nicht nur ein Gewinn aufgrund des Forschungsüberblickes, sondern Pulzers präziser und anschaulicher Schreibstil öffnet dem Leser auch zahlreiche Perspektiven, so dass das Attribut „Klassiker“ berechtigt ist.
Martin Liepach
Zuerst erschienen in: Geschichte Politik und ihre Didaktik 34, 2006, Heft 1/2, S. 106-107
Dietz Bering: Kampf um Namen – Bernhard Weiß gegen Joseph Goebbels. Klett-Cotta, Stuttgart 1991, 527 S.
»Künftige Historiker des deutschen Niedergangs mögen beurteilen, ob in dem Kampf gegen Dr. Bernhard Weiß nicht ein besonders tiefes Tal der Kultur erreicht worden ist«, notierte der Journalist und Rechtsanwalt Rudolf Olden 1932 im »Tagebuch«. Das Vermächtnis der längst überfälligen Bewertung löst der Kölner Sprachwissenschaftler Dietz Bering mit seinem Buch über die Auseinandersetzung zwischen Bernhard Weiß und Joseph Goebbels ein.
Weiß machte als ungetaufter Jude eine unvergleichliche Karriere. Noch im Sommer 1918 wurde er stellvertretender Leiter der Berliner Kriminalpolizei. In ersten Jahren der Weimarer Republik für die Verfolgung von Verbrechen aus politischen Motiven zuständig, wurde er 1925 Chef der Berliner Kriminalpolizei. 1927 Polizeivizepräsident und damit eine bekannte öffentliche Figur. Goebbels war ab November 1926 Gauleiter von Berlin-Brandenburg. 1927 gründete er sein eigenes NS-Wochenblatt »Der Angriff«. Wie gegen keine zweite Person hetzten Goebbels und sein Kampforgan mit permanenten Verleumdungen. Unterstellungen und Polemiken gegen Weiß.
In Anknüpfung an sein Buch »Der Name als Stigma. Antisemitismus im deutschen Alltag, 1812-1933«, das die Struktur des Markierungssystems jüdischer Namen nachzeichnete, geht es Bering in seiner neuen Darstellung darum, die Schärfe des tatsächlichen Gebrauchs der Markierungen durch Instrumentalisierung der Namenspolemik im politischen Alltag der Weimarer Republik aufzuzeigen. Dabei sollen die Angriffe Goebbels auf Weiß nicht als singuläre, besonders abstoßende Erscheinung verstanden werden, sondern sie bilden die Zuspitzung des Gebrauchs antisemitischer Namenswaffen. Bering analysiert die Wirksamkeit des Antisemitismus im Sprachgebrauch und die Grundlagen, auf die er sich beziehen konnte. Die exemplarische Beschreibung der auf Weiß gerichteten Namensattacken läßt erahnen, welchen vielfältigen Aggressions- und Destruktionsweisen jüdische Bürger durch Namenspolemik ausgesetzt waren.
Der Blick bleibt daher notwendigerweise nicht auf die beiden Kontrahenten beschränkt. Mit sehr detaillierten Überlegungen zu seiner Vorgehensweise verleiht der Autor seiner Darstellung ein hohes Maß an Transparenz und Systematik. Neben getrennten biographischen Skizzen der beiden Protagonisten bis zum Kulminationspunkt bereitet er durch die Darstellung sprach- und allgemeinhistorischer Erkenntnisse den Boden, auf dem die Auseinandersetzungen Goebbels contra Weiß historisch angemessen rekonstruiert und bewertet werden können. Die Destruktionskraft des Namens »Isidor«, mit dem Goebbels Weiß belegte, wird erst auf seinem Nährboden verständlich. Konnotation und Assoziation dieses Namens waren dermaßen negativ belegt, daß Weiß alle Prozesse gewann, die er wegen dieses Schmähnamens anstrengte. Vor dem Reichsgerichtshof mußte die Staatsanwaltschaft nicht erst beweisen, daß lsisdor eine Beleidigung war, sondern das Wort selber diente als Beweis für das Vorliegen einer Beleidigung.
Bei den Angriffen gegen Weiß ging es nicht nur um die Verachtung gegen über seiner Person. Die massenhaften Angriffe richteten sich gegen ihn, weil mit ihm zugleich ein Symbol der jüdischen Emanzipation und der Wehrhaftigkeit des ersten demokratischen deutschen Staates getroffen wurde. Weiß saß in der Schaltstelle Berlins, und wer Berlin hatte, der hatte Preußen, und wer Preußen hatte, der hatte das Reich. Weiß wußte das. Solang es ihm aussichtsreich erschien, focht er die Auseinandersetzungen mit öffentlichen Prozessen aus. Weiß wehrte sich weiterhin, als bereits zahlreiche Republikaner die Seiten gewechselt oder aufgegeben hatten. Im Mai 1932 verhaftete er im Reichstag nationalsozialistische Abgeordnete, nachdem diese zuvor einen sozialdemokratischen Parlamentarier zusammengeschlagen hatten. Beim Preußenschlag Papens war er der erste im Polizeipräsidium, der die Rechtmäßigkeit der Absetzung anzweifelte und Polizeipräsident Grzesinski bewegte, mit einen Protestbrief an den neuen lnnenminister Bracht in die Öffentlichkeit zu treten.
Die Verknüpfung historischer, sozialpsychologischer und sprachwissenschaftlicher Elemente, verbunden mit einer klaren Darstellung, und die längst fällige Würdigung des Kampfes Bernhard Weiß' machen das Werk Berings zu einer empfehlenswerten Lektüre.
Martin Liepach
Zuerst erschienen in: Archiv für Sozialgeschichte, 1994, S. 668-669
Wege in die Vernichtung. Die Deportation der Juden aus Mainfranken 1941-1943. Begleitband zur Ausstellung des Staatsarchivs Würzburg und des Instituts für Zeitgeschichte München-Berlin in Zusammenarbeit mit dem Bezirk Unterfranken. Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns, München 2003, 199 S.
Im Jahr 2000 veröffentlichte das in Berlin ansässige Zentrum für Antisemitismusforschung in seinem Jahrbuch einen Aufsatz, der sich mit der Frage beschäftigt, wie viel die Bevölkerung die Bevölkerung in Deutschland vor 1945 vom Holocaust wusste. Die quantitative Untersuchung, die auf retrospektiven Meinungsumfragen basiert, ergab, dass offenbar ein gutes Drittel der deutschen Bevölkerung vor Kriegsende über den Massenmord an den Juden informiert war, d.h. nicht weniger als 25 Millionen Deutsche haben nach eigener Angabe vom Holocaust vor 1945 erfahren. Diese bemerkenswerte Zahl macht deutlich, dass die Deportation und anschließende Vernichtung der Juden keineswegs unter Ausschluss der Öffentlichkeit im Geheimen geschah.
Die im Rahmen einer Ausstellung des Würzburger Staatsarchivs und des Instituts für Zeitgeschichte gezeigten Fotographien zur Deportation der mainfränkischen Juden belegen dies nachdrücklich. Dabei handelt es sich um 139 von einem Beamten der Gestapo Würzburg angefertigte Bilder, von denen 119 in einem Album überliefert sind. Bei dem Fotoalbum der Deportation mainfränkischer Juden 1941/42 handelt es sich um ein einzigartiges historisches Dokument, ist es doch offensichtlich die umfangreichste Sammlung von Fotos von Deportationen aus Deutschland.
Die im Ausstellungskatalog reproduzierten Fotographien bilden daher auch den Hauptbestandteil der Publikation. Neben diesen Bildern umfasst die Veröffentlichung zahlreiche weitere Fotos aus verschiedenen Beständen sowie Abbildungen von Dokumenten, die im weiteren Sinne mit der Thematik und der Region verknüpft sind. Insgesamt enthält der Katalog fünf wissenschaftliche Beiträge, wovon zwei von Herbert Schott stammen. In einem ersten Aufsatz schildert und analysiert er die ersten drei Deportationen mainfränkischer Juden. Der zweite Beitrag beschäftigt sich mit der Entstehungsgeschichte des Fotoalbums und seinem nachfolgenden Schicksal. In den weiteren Aufsätzen beschreibt Alexander M. Klotz die Situation der Juden in Unterfranken nach dem Ersten Weltkrieg bis zu den 1941 einsetzenden Deportationen, schildert Dieter Pohl den Prozess der Deportation von Juden aus dem Deutschen Reich zwischen 1941 und 1943; Edith Raim schließlich setzt sich mit der juristischen Aufarbeitung nach 1945 in Unter- und Mittelfranken auseinander. Die Beiträge von Klotz, Pohl und Raim werden jeweils von einer kurzen kommentierten Auswahlbibliographie abgerundet.
Der mit Abstand herausragende Beitrag ist der von Herbert Schott über das Fotoalbum. Schott rekonstruierte die abenteuerliche Geschichte der Fotos. 1941 beauftragte zunächst die Würzburger Gestapo zwei Kriminaloberassistenten mit Aufnahmen für die erste Deportation am 26. Nov. 1941. Das Fotografieren durch andere, auch durch NSDAP-Mitglieder, wurde streng verboten, gegebenenfalls sollten Fotoapparate beschlagnahmt werden. Auch bei den Deportationen im März und April 1942 entstanden Fotos. Fotografiert wurden die Deportationen in Kitzingen, Würzburg und Bad Neustadt a. d. Saale. Es handelt sich um die ersten drei von sieben Transporten, die im Zeitraum zwischen November 1941 und Frühjahr 1943 in Unterfranken, bzw. im „Gau Mainfranken“ stattfanden.
Nach Kriegsende wurden die Akten der Würzburger Gestapo über die Judendeportationen und das zugehörige Fotoalbum offenbar nach der Besetzung Unterfrankens durch die Amerikaner beschlagnahmt und in ein Aktenlager nach Oberursel/Taunus verbracht. Im Würzburger Deportationsprozess 1949 wurden die Fotos als Beweismittel verwandt. Die Akten und vermutlich die Fotos wurden auch bei weiteren Prozessen herangezogen. Als jedoch die Akten der Gestapo Würzburg über die Judendeportation 1985 an das Staatsarchiv Würzburg übergeben wurden, befand sich das zughörige Fotoalbum nicht darunter. Alle Nachforschungen des Staatsarchivs blieben ergebnislos. 2001 wurden die Fotos in einer Akte bei der Staatsanwaltschaft Nürnberg-Fürth wieder aufgefunden. Offensichtlich war das Album als Beweismittel eingesetzt und nicht zurückgegeben worden. Das im Staatsarchiv Würzburg verwahrte Album umfasst heute 119 durchnummerierte auf 24 Aktendeckel aufgeklebte Fotos. Ursprünglich enthielt es 19 weitere auf vier Aktendeckel angebrachte Fotos, die heute in den USA verwahrt werden.
Einem Foto wird in der Regel mehr Beweiskraft eingeräumt als dem gesprochenen oder geschriebenen Wort, weil der Betrachter „mit eigenen Augen“ das zu sehen glaubt, was an anderen Orten oder auch zu anderen Zeiten geschehen ist. Die Bilder im Würzburger Album wurden von Tätern gemacht. Dies darf bei der Betrachtung der Bilder nicht vergessen werden. Die Fotos schildern eine Wirklichkeit aus der Sicht der Täter – dessen muss man sich bei der Betrachtung bewusst sein. Als Motive sieht man die entwürdigende Registrierung und Durchsuchung der Deportierten, Außenaufnahmen von Würzburg und Kitzingen, Bilder vom Marsch durch die Stadt und Aufnahmen vom Besteigen des Zugs und Verladen des Gepäcks. Der Terror fand, daran lassen diese Fotos keinen Zweifel, zum größten Teil in aller Öffentlichkeit statt.
Im Beitrag von Alexander M. Klotz liegt der Akzent eindeutig in der Beschreibung der Ausgrenzung- und Verfolgungsgeschichte. Wenig erfährt man über die Situation der jüdischen Bevölkerung im eigentlichen Sinne, obwohl die Überschrift des Aufsatzes dies zunächst suggeriert. Selbst der Abschnitt „Jüdisches Leben in Unterfranken“ widmet sich mehr den politischen Verhältnisse, beispielsweise der Betrachtung von Wahlergebnissen in Bayern und insbesondere in Franken. Es hätte sich mit Sicherheit gelohnt einige Worte mehr zum ländlichen und kleinstädtischen Judentum zu verlieren. Doch scheint der Autor nur bedingt auf der Höhe des Literatur- und Forschungsstandes gewesen zu sein.
Edith Raim schildert die juristische Verfahren nach 1945, die in den Bereich der deutschen Staatsanwaltschaft fielen und skizziert die Prozesse in Würzburg und Nürnberg. Im Ergebnis blieb der Ausgang der strafrechtlichen Verfahren unbefriedigend. In Nürnberg wurden lediglich zwei von 55 Beschuldigten am Ende verurteilt. Der darunter befindliche ehemalige Nürnberger Polizeipräsident und Höhere SS-und Polizeiführer erreichte 1953 in der Revision die Aufhebung seines Urteils und einen Freispruch. Auszüge aus den perfiden Verteidigungen der Angeklagten sind im Text nachlesbar. Die Reaktionen in der Öffentlichkeit offenbaren in einem erschreckenden Maße Kontinuitäten nationalsozialistischen Gedankengutes.
In seinem fundierten Beitrag betont Dieter Pohl, dass sich die Rahmenbedingungen der Judenverfolgung durch den Kriegsbeginn fundamental geändert hätten und skizziert im Weiteren Verlauf und Ziele der Transporte in den Jahren 1941 bis 1943. Dabei er hebt die Rolle der regionalen Polizei bei der Durchführung hervor. Auch er verweist darauf, dass die Deportationen nicht unbemerkt geblieben waren, wie nach dem Krieg oft behauptet wurde.
Insgesamt ist mit diesem Begleitband den Ausstellungsmachern eine bemerkenswerte Publikation gelungen, die weit über das durchschnittliche Niveau von Ausstellungskatalogen herausragt.
Martin Liepach Frankfurt
Zuerst erschienen in: Mainfränkisches Jahrbuch, 57, 2005, S. 465-466
Hinweis: Zum Thema siehe auch auf hagalil mit einigen Fotos.
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