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Chanukka-LeuchterChanukka-Leuchter Frankfurt a.M. 1680 - Jüdisches Museum Frankfurt

© Jüdisches Mus. Frankfurt

AG Deutsch-Jüdische Geschichte

im

Verband der Geschichtslehrer Deutschlands

Dr. Wolfgang Geiger

Juden in der griechisch-römischen Antike – Entstehung der Diaspora

Überarbeitete Fassung des Vortrages auf der Tagung:

Integration und Ausgrenzung
Deutsch-jüdisches Zusammenleben in der Geschichte. Erarbeitung neuer Sichtweisen für den Unterricht

Seminar der Bundeszentrale für politische Bildung,  Bonn, in Zusammenarbeit mit dem Verband der Geschichtslehrer Deutschlands und der Moses Mendelssohn Akademie Halberstadt
Halberstadt 15. – 17. April 2007

 

Die jüdische Geschichte tritt in den Lehrbüchern und Lehrplänen fast nur auf abrupte Weise in „unserer“ oder jedenfalls in der für uns konzipierten Geschichte auf. So beim Kreuzzugspogrom von 1096. Vielleicht wurde im vorangegangenen Band zur Antike auf den „Jüdischen Krieg“ eingegangen (Relief des Titusbogens in Rom), oft ganz am Anfang auch auf das Alte Israel im Rahmen der altorientalischen Kulturen.

Titusbogen

Auf diesem Relief des späteren Kaisers Titus wird das Resultat der Einnahme Jerusalems 70 n.Chr. dargestellt, eine Zäsur der Geschichte für die Besiegten, aber auch ein Akt von hoher symbolischer Bedeutung für die Sieger. Bild: Wikimedia Commons

Wie auch immer... – die Juden treten im Unterricht am Rhein 1096 abrupt in das Licht der Geschichte und gleich auch in der Rolle (als Opfer), die sie fortan nicht mehr loszuwerden scheinen. Wieso lebten aber im 11. Jh. Juden am Rhein? Diese Frage stellen sich Schüler und meistens auch Lehrer, ohne dass sie in den Lehrwerken eine ausreichende Antwort darauf finden. Es fehlt eine Darstellung und Erklärung der Diaspora, ohne die alle weitere jüdische Geschichte in Deutschland und Europa nicht verstanden werden kann.

Denn die Lücken und Unklarheiten im historischen Bewusstsein werden schnell von Vorurteilen ausgefüllt. Als ich einmal beim Thema Juden in einem Leistungskurs – Ausgangspunkt war der „moderne“ Antisemitismus – ein Brainstorming über das Wissen der Schüler zur Geschichte der Juden unternahm, erklärte ein Schüler bei unserer Rekonstruktion der Diaspora zur römischen Eroberung Palästinas: „Die Römer haben das Land der Juden erobert, weil die Juden reich waren.“ Dass hier nur einmal laut gesagt wurde, was oft gedacht wird, stelle ich leider immer wieder fest.

Die Omnipräsenz von Klischees und Vorurteilen und sogar deren Rückprojizierung auf die früheste Zeit macht deutlich, dass dagegen auch nur ein chronologisch von Anfang an alternativer Ansatz wirken kann. Aus einer Fülle von Material, gerade auch reichhaltigem Bildmaterial zur Antike, habe ich nachfolgend eine Reihe von Quellen ausgewählt, anhand derer wichtige Elemente der jüdischen Geschichte der Antike anschaulich gemacht werden können.

Die jüdische Geschichte im Römischen Reich lässt sich problemlos in die allgemeine Geschichte des Römischen Reiches integrieren, indem man anhand der Aufstände die Pax Romana diskutiert und anhand der griechisch-jüdischen Dokumente die multikulturelle Realität des Römischen Reiches veranschaulicht und auf die fortwirkende Tradition des Hellenismus verweist. Dies kann natürlich auch hervorragend am Beispiel Alexandrias dargestellt werden, was ich im Folgenden jedoch ausgespart habe (siehe dazu jedoch M7 in unserem Heft Klett Tempora Heft - siehe unten) .

Wichtig ist deutlich zu machen, dass es nach der „babylonischen Gefangenschaft“ und vor der römischen Eroberung eine politische und territoriale jüdische Identität gab, die sich nach der Befreiung aus der Herrschaft der Seleukiden auch in einem eigenen Staat wiederfand.

Dass die traditionelle jüdische Gesellschaft im Gegensatz zur späteren Diaspora und daraus rückprojizierter Klischees vorwiegend agrarisch geprägt war, darüber gibt die Literatur etliche Hinweise und Dokumente, so auch Flavius Josephus als Quelle (siehe unten).

Bereits unter der persischen Herrschaft bildete sich eine politische Autonomie heraus, die sich z.B. in der Münzprägung äußerte. So wurde unter persischer Herrschaft in Jerusalem eine Silbermünze geprägt (4. Jh. v. Chr.), deren Inschrift lautet „Jehud“, der offizielle aramäische Name Judäas nach der Rückkehr aus dem Exil. (de Lange, S. 30 ; Kedourie. S.70)

Die Münzen aus der Zeit der Unabhängigkeit nach dem Makkabäer-Aufstand unter der Regentschaft der Hasmonäer dokumentieren die politische Selbständigkeit, aber auch die multikulturelle Lage in der nach wie vor hellenistischen Umwelt, deutlich zu erkennen in den unterschiedlichen Inschriften z.B. auf der Vorder- und Rückseite der Münze des Alexander Iannai (Alexandros Iannaios), Zeugnis seiner Herrschaft (103-76 v. Chr.): Auf der Vorderseite griechisch: „König Alexandros“, auf der Rückseite hebräisch: „König Jonathan“. (Barnavi, S.47, siehe auch: hier, Übersicht Bible History online; siehe auch für alle Münzen im Handbook of Biblical Numismatics des Jewish Museum in Cyberspace der American Jewish Historical Society, zu den Makkabäern:  hier)

Aus der Münze des Pompeius, geprägt mit dem Motiv der Unterwerfung Palästinas,  lässt sich eine ganze Menge entschlüsseln, je nach dem, wie intensiv man das im Unterricht behandeln will und kann. Der Name Aretas auf der Vorderseite weist auf den unterlegenen Verbündeten der Juden, den Nabatäerkönig Aretas, hin (siehe: hier, Übersicht). Dieses  politische Bündnis zwischen Juden und Arabern bzw. anderen semitischen Völkern war nicht das erste und nicht das letzte.

Auch unter römischer Oberhoheit behielt der jüdische Vasallenstaat eine eigene politische Identität, wie es in der Münzprägung sichtbar wird. Das besondere Verhältnis zu Caesar und Augustus kommt u.a. in den Privilegien des Augustus zum Ausdruck (cf. Tempora M2.). Auf der Bronzemünze des Mattathias Antigonos (reg. 40-37 v.Chr.) sieht man auf der Vorderseite ein Füllhorn mit der hebräischen Inschrift „Mattatayah der Hohepriester“, auf der Rückseite griechisch: „König Antigonos“.).

Mattathias_Antigonos

 

Auf der Rückseite erkennt man noch gut einen Teil der auf dem Kopf stehenden griechischen Inschrift; in lateinischen Lettern gibt dies:[BASI]LEOS ANTIG[ONOS]. Wikimedia commons

Die Münzen dokumentieren auch die jüdischen Aufstände gegen die römische Herrschaft, im „Jüdischen Krieg“ und im „Bar-Kochba-Aufstand“, die nur die beiden größten einer ganzen Kette von Aufständen waren. Tatsächlich war Palästina/Judäa die Provinz, die sich am stärksten gegen die römische Herrschaft auflehnte und dafür auch am härtesten bestraft wurde (siehe die Ansprache Titus’ an die besiegten Bewohner Jerusalems, Tempora M3). Beide Münzserien präsentierten jeweils eine Jahreszählung des Aufstands (“Jahr eins” bis “Jahr vier”), kulturelle und religiöse Symbole wie Granatapfel, lulav (Palmzweig) und etrog (Zitrusfrucht) oder den Tempel sowie das politische Selbstverständnis (“Schekel von Israel”, “Heiliges Jerusalem”, “Freiheit für Jerusalem”, “Für die Erlösung Zions”...). (Jüdischer Krieg, siehe: hier oder hier, sowie bei der AJHS; Bar-Kochba-Aufstand, siehe: hier oder sowie bei der AJHS).

Barkokhba-silver-tetradrachm

Münze von 134/35, auf der Vorderseite „Jahr 3“ sowie „Shimon“ (Vorname des Anführers des Aufstandes, Simon ben Kosiba, genannt Bar Kochba „Sternensohn“). Auf der Rückseite „Freiheit für Jerusalem“. Wikimedia commons. - Links zu weiteren Erklärungen der Münze siehe auf unserer Epochenseite Antike.

Die Niederschlagung des Aufstandes 70  n.Chr.  durch Titus im Auftrag Kaiser Vespasians (reg.69-79) ist in verschiedenen römischen Münzen mit dem Motiv “Iudaea capta” dokumentiert (siehe bei der AJHS).

Sestertius_-_Vespasiano_-_Iudaea_Capta-RIC_0424

Auf der Vorderseite: IMP[ERATOR] CAES[AR] VESPASIAN[US] AUG[USTUS], die restlichen Zeichen identifizieren die Münzprägung. Wikimedia commons

Dies ist der Ansatzpunkt für die Erklärung der Diaspora, deren Geschichte freilich schon länger zurückreicht. Mit der Zerstörung des Tempels 70 n. Chr., der Vertreibung der jüdischen Bevölkerung aus Jerusalem 135 n. Chr. und der Umbenennung der Stadt in Aelia Capitolina sowie den im Zuge der Kriege einhergehenden Fluchtbewegungen tritt die Diaspora mit dem faktischen Verlust der Heimat (obwohl es in Palästina weiterhin jüdische Einwohner gab) in ihre entscheidende, die weitere Geschichte prägende Phase.

Die Überprägung der vespasianischen Münzen während des Bar-Kochba-Aufstanden liefert zusätzlich ein meines Wissen in der Geschichte einmaliges Dokument politischer Auseinandersetzung. Hieran kann wie sonst selten entdeckendes Lernen praktiziert werden.

BarkoVespCoin

Vorderseite einer überprägten römischen Tetradrachme, ursprünglich Münze mit dem Porträt Vespasians, überprägt mit einer hebräischen Aufschrift “Freiheit für Jerusalem”. Diese Münzen des Bar-Kochba-Aufstands wurden Zuzim genannt (Sing. zuz), diese Münze Sela. Vgl. Wikipedia und Mentalblog.

Andere didaktisch sinnvolle nicht-textliche Quellen sind jüdische Grabsteine. Ein spätantiker Grabstein aus Zoar südlich des Toten Meeres mit einer Abbildung des Tempels und der Datierung des Todes des Verstorbenen  “im 386. Jahr nach der Zerstörung des Tempels” macht die Bedeutung des Tempels und seiner Zestörung im Bewusstsein der Menschen deutlich (Barnavi, S.57; ein anderer Grabstein aus Zoar im Internet: hier).

Grabsteine aus den jüdischen Katakomben in Rom (leider ohne Datierung bei Kedourie) veranschaulichen nicht nur die Existenz einer jüdischen Gemeinde in Rom, sondern auch die Bedeutung der griechischen Sprache in diesem Zusammenhang. Selbst in der Hauptstadt des Imperium Romanum blieb das Griechische eine lingua franca der Juden (Kedourie, S.97)

 

Bibliographische Verweise:

Barnavi, Eli (Hg.), Universalgeschichte der Juden – Von den Ursprüngen bis zur Gegenwart. Ein historischer Atlas, Wien (Brandstätter) 1993. [Paris (Hachette) 1992].

de Lange, Nicholas (Hg.), Illustrierte Geschichte des Judentums, Frankfurt a.M. (Campus) 2000 / Lizenzausgabe WBG Darmstadt. [The Illustrated History of the Jewish People, Toronto 1997].

Kedourie, Elie (Hg.), Die jüdische Welt – Offenbarung, Prophetie und Geschichte, Frankfurt a.M. (S.Fischer) 1980, München (Orbis) 2002, S.101. [The Jewish World, London (Penguin) 1979].

Münzsammlungen:

www.wildwinds.com/coins/greece/judaea/t.html

www.amuseum.org/book/index.html

Rolf Ballof u.a.: Deutsch-jüdische Geschichte. Quellen zur Geschichte und Politik, erarbeitet und herausgegeben vom Arbeitskreis des Verbandes der Geschichtslehrer Deutschlands “Deutsch-jüdische Geschichte im Unterricht”. Stuttgart/Leipzig (Klett, Reihe “Tempora”), 2007.


Quelle:

Flavius Josephus über Land und Lebensweise in Palästina

12. Abschnitt.
In diesem Abschnitte gibt Josephus als Grund dessen, dass die Griechen so wenig Kenntniss von dem jüdischen Volke hatten, folgende charakteristische Zeichen desselben an: 1) dass die jüdische Nation, im Besitze eines trefflichen Bodens, sich ausschliesslich mit Ackerbau befaßte; 2) wurde da nebst Ackerbau ein Hauptgewicht auf eine gute Kindererziehung gelegt, um die Jugend im väterlichen Glauben und in Gottesfurcht heranzubilden; 3) suchte man in Folge der eigentümlichen Sitten und Lebensweise jede Berührung mit Fremden zu vermeiden, der Handel mit dem Auslande wurde daher nur wenig betrieben; 4) da unsere Väter weder auf Räubereien ausgingen, noch von dem Wunsche nach Vergrößerung des Besitzes durch Krieg wie andere Völker belebt waren, so fehlten da die ersten und wichtigsten Motive zur Begünstigung der Schifffahrt; in Folge dessen blieb Palästina, das ohnehin ein Binnenland, den Griechen unbekannt.

Flavius Josephus: Über das hohe Alter des jüdischen Volkes gegen Apion, übersetzt und erläutert von M. Zipser, Wien 1871, I.12.

[Über Galiläa:] Den Männern fehlte es nie an Mut, und dem Lande nie an Männern; letzteres nämlich ist üppig und weidereich, mit Bäumen aller Art in Hülle und Fülle bepflanzt und so ergiebig, dass es auch den trägsten Landmann zur Arbeit anregt. So kommt es, dass das ganze Land von seinen Bewohnern angebaut ist und kein Teil desselben brach liegt. Aus dem nämlichen Grunde hat es eine Menge von Städten, und auch die Bevölkerung der Dörfer ist wegen der Fruchtbarkeit des Bodens überall so dicht, dass selbst das kleinste Dorf mehr als fünfzehntausend Einwohner zählt. [...] Denn es ist seiner ganzen Ausdehnung nach angebaut und geradezu überreich an fruchttragenden Gewächsen; [...]

Das Samariterland liegt in der Mitte zwischen Judaea und Galilaea. [...] Seine natürliche Beschaffenheit ist genau dieselbe wie die von Judaea; beide Landschaften nämlich sind reich an Bergen und Ebenen, leicht zu bebauen, fruchtbar, mit Bäumen besät und voll wilden und zahmen Obstes. Natürliche Bewässerung ist nirgends reichlich vorhanden, dafür aber fällt um so mehr Regen. Die fließenden Gewässer sind alle aus- nehmend süß, und die Fülle guter Futterkräuter macht das Vieh hier milchrei-cher als sonstwo. Der beste Beweis für die Trefflichkeit und den Fruchtreichtum beider Landschaf-ten ist die Dichtigkeit ihrer Bevöl- kerung. [...]

3. Den Gennesar [= See Genezareth] entlang erstreckt sich eine gleichnamige Landschaft von wunderbarer natürlicher Schönheit. Infolge der Fettigkeit des Bodens versagt sie keinerlei Gewächs, und es haben sie denn auch die Bewohner mit allen möglichen Arten davon bepflanzt, zumal das ausgezeichnete Klima ebenfalls zum Aufkommen der verschiedensten Gewächssorten beiträgt. Nussbäume, welche am meisten der Kühle bedürfen, wachsen dort in grosser Menge ebenso wie Palmen, die nur in der Hitze gedeihen; nahe bei ihnen stehen wieder Feigen- und Ölbäume, denen eine gemässigte Temperatur mehr zusagt. Was sich hier vollzieht, könnte man ebenso- wohl einen Wettstreit der Natur nennen, die das einander Widerstrebende auf einen Punkt zu vereinen trachtet, als einen edlen Kampf der Jahreszeiten, deren jede diese Landschaft in Besitz zu nehmen sucht. Denn der Boden bringt die verschiedensten, an-scheinend einander fremden Obstsorten nicht bloss einmal im Jahre, sondern lange Zeit hindurch fortwährend hervor. So liefert er die königlichen Früchte, Weintrauben und Feigen, zehn Monate lang ohne jede Unterbrechung, während die übrigen Früchte das ganze Jahr hindurch mit jenen der Reihe nach reif werden.

Flavius Josephus, Geschichte des jüdischen Krieges, III. 3 & 10. Übersetzung Clementz, Reprint Wiesbaden, 2001.

 

 

 

 

 

 

 

 

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