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Deutsch-Jüdische Geschichte in der Neuzeit. Herausgegeben im Auftrag des Leo Baeck Instituts von Michael A. Meyer unter Mitwirkung von Michael Brenner. Band III: Umstrittene Integration 1871-1918. Von Steven M. Lowenstein, Paul Mendes-Flohr, Peter Pulzer und Monika Richarz. Band IV: Aufbruch und Zerstörung. Von Avraham Barkai und Paul Mendes-Flohr mit einem Epilog von Steven M. Lowenstein. München: Verlag C.H.Beck 1997, 428 S. bzw. 429 S.
Im 17. Band ihrer Sonderhefte (München 1997) widmete sich die altehrwürdige Historische Zeitschrift dem Thema ”Bürgertum und bürgerlich-liberale Bewegung in Mitteleuropa”. Auch wenn der Titel eine transnationale und komparative Perspektive verspricht, die diversen Aufsätze beschränken sich weitgehend auf Deutschland. Insgesamt resümieren die Autoren in ihren Beiträgen ausgiebig und sachkundig den derzeitigen Kenntnisstand, insbesondere in den Bereichen der Bürgertumsforschung und der Liberalismusforschung. In den kommenden Jahren werden Historiker dankbar zu diesem Sammelband greifen, wenn sie sich über Spezialliteratur oder bestehende Forschungsdesiderate auf den Gebieten informieren möchten. Doch fehlt da nicht etwas? Richtig, man vermißt fast vollkommen die Ausführungen und die Bezugnahme zur deutsch-jüdischen Geschichte! Dabei veranstaltete die Friedrich-Naumann-Stiftung bereits im Jahr 1986 in Zusammenarbeit mit dem Leo-Baeck-Institute, London, ein internationales Seminar zum Thema ”Das deutsche Judentum und Liberalismus” und der ”Verbürgerlichungsprozeß” der deutschen Juden im 19. Jahrhundert und ihre daraus, im idealtypischen Sinne, resultierende bürgerlich geprägte Sozialstruktur lassen sie geradezu als Untersuchungsgruppe par excellence für die Bürgertumsforschung erscheinen.
Just zur richtigen Zeit erscheinen da die Bände 3 und 4 der Reihe ”Deutsch-jüdische Geschichte in der Neuzeit”, die ein seit vielen Jahren geplantes und nunmehr realisiertes Werk des Leo Baeck Instituts abschließen. An der ersten Gesamtdarstellung der deutsch-jüdischen Geschichte waren Historiker aus Israel, Deutschland, Großbritannien und den USA beteiligt. Die Zusammenstellung der Beiträge der allesamt ausgewiesenen Experten ihres Gebietes ergibt ein Bild inhaltlicher und methodischer Vielfalt. Richtet man spezifisch nur den Blick auf das Verhältnis Liberalismus und deutsch-jüdische Geschichte, so ist der Ertrag enorm.
Für die Darstellung des politikgeschichtlichen Parts der Ära des Deutschen Kaiserreiches war Peter Pulzer verantwortlich. Er beschreibt das Spannungsverhältnis zwischen rechtlicher Gleichstellung der Juden einerseits und der Handhabung der Praxis im öffentlichen Leben andererseits, die Anfänge der antisemitischen Bewegung und die Reaktionen auf den Antisemitismus. Den Endpunkt seiner Abhandlungen markieren der Zerfall des Burgfriedens im Ersten Weltkrieg und eine Analyse der Situation der jüdischen Bevölkerung am Vorabend der Revolution.
Pulzer beschränkt sich nicht auf das Kerngebiet des Deutschen Reichs, sondern lenkt auch auf den Blick auf periphere Entwicklungen, beispielsweise in Posen oder in Elsaß-Lothringen. Die geographische Definition deutsch-jüdischer Geschichte faßt er, wie die meisten vertretenen Autoren, weit, also unter Einschluß Österreich-Ungarns. Gerade seine Vergleiche zwischen den Entwicklungen in der Habsburgermonarchie und im Deutschen Kaiserreich sind sehr erhellend und im besten komparativen Sinne gehalten.
Die Geschicke der Juden hingen eng mit dem schwankenden Einfluß des Liberalismus zusammen. Während der liberalen Jahrzehnte waren sie in beiden Kaiserreichen zahlreicher und prominenter in der Politik vertreten als jemals zuvor. Von den siebzehn bekennenden Juden, die in dieser Zeit in den Reichstag gewählt wurden, war einer ein Freikonservativer, sieben waren Nationalliberale, sechs Fortschrittliche und zwei waren Sozialdemokraten. Fast alle jüdischen Mitglieder des Reichsrats in dieser Phase gehörten der Deutschliberalen Partei an. Doch Zahlen sind nicht gleichbedeutend mit Einfluß. Mit der ”zweiten Reichsgründung” änderten sich die Rahmenbedingungen grundsätzlich. Während jedoch die liberalen Kräfte in Deutschland sich den Status einer ”kohärenten, wenngleich geschwächten Minderheit” (S. 267) zu erhalten wußte, hatten sie in Österreich praktisch zu existieren aufgehört. Nach dem Sturz des liberalen Ministeriums Auersperg im Jahr 1879 folgten diverse Spaltungen und Neugründungsversuche innerhalb des österreichischen Liberalismus. Den Triumph des österreichischen Antisemitismus sieht Pulzer auch darin begründet, daß die Antisemiten es mit einer schwächeren und demoralisierteren liberalen Partei als in Deutschland und mit einer Sozialdemokratie, die bis 1890 kaum eine Organisation besaß, zu tun hatte.
Den politikgeschichtlichen Faden Pulzers spinnt Avraham Barkai für die Zeitabschnitte der Weimarer Republik und das Dritte Reich weiter. Notwendigerweise verschieben sich in seiner Darstellung die Akzente. Im Vordergrund seiner Darstellung stehen zunächst die Zweifel an einer deutsch-jüdischen Erfolgsgeschichte, die abgelöst werden von dem Wissen um das gewaltsame Scheitern und das brutale Ende. Für die Weimarer Republik fällt er denn auch sein Diktum über die republiktragenden Parteien, die sich bemühten, nicht allzu sehr als ”Judenschutztruppen” zu gelten und die liberalen Tageszeitungen, die um peinlichste ”Neutralität” in jüdischen Belangen bemüht waren. Trotz der immer wieder auftretenden Belastungen und Zumutungen im Verhältnis zwischen Liberalismus und Judentum, an einigen Stellen unterschätzt Barkai den Stellenwert des Liberalismus für die deutsch-jüdische Bevölkerung und folgt liebgewonnenen Standardinterpretationen. Der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten (RjF) soll in seiner Zeitschrift ‘Der Schild’ deutschnationale Auffassungen im Ton der nichtjüdischen vaterländischen Veteranenvereine vertreten haben. Zu diesem Thema hatte bereits George L. Mosse auf der eingangs erwähnten Tagung 1986 angemahnt, daß es nötig sei, das liberale Potential des RjF, das im Gegensatz zu anderen Veteranenverbänden bestanden haben mag, genauer zu untersuchen. Ein Forschungsdesiderat, das bis heute besteht.
Wer sich für Philosophie und Geistesgeschichte interessiert, wird durch die beiden Bände gleichfalls umfangreich bedient. Paul Mendes-Flohr schildert die Entstehung neuer Richtungen im jüdischen Denken gegen Ende des 19. Jahrhunderts, den spezifischen Bewußtseinswandel, der sich im Schatten des Ersten Weltkriegs unter den Juden vollzog und der das Selbstverständnis, die kulturellen und geistigen Bestrebungen der deutschen Judenschaft nachhaltig beeinflußte. Darüber hinaus widmet er sich dem jüdischen Kultur- und Geistesleben, analysiert das Verhältnis zwischen Christen und Juden und beschreibt die Bedeutung der Juden innerhalb der deutschen Kultur vor 1933.
Sehr viel Raum räumt Mendes-Flohr Hermann Cohen, einem der führenden Denker des liberalen Judentums, ein. Dennoch bleibt das Bild der intellektuellen Bedeutungskraft Cohens letztendlich schemenhaft. Es scheint als diene der Marburger Philosophieprofessor nur als Kontrastfolie, vor der das kulturzionistische Bild Martin Bubers besonders hell leuchtet. Mendes-Flohrs Äußerung ”Cohens Intention war ungeniert apologetisch”(Bd. 3, S. 343) ist eine fast vollkommene sprachliche Übernahme des Vorwurfs Bubers in seiner Zeitschrift ”Der Jude” (1916), die neukantianischen Gedanken würden keinerlei Rüstzeug zur Lösung der tagespolitischen Probleme bieten, sie seien zu dem manifest apologetischer Natur. Statt der Übernahme alter Streitlinien und zeitgenössischer Werturteile hätte hier ein nüchterner und distanzierter Blick für mehr Klarheit gesorgt. Das hochkomplexe Spannungsgeflecht zwischen der realpolitischen Verortung Cohens als liberaler Jude und seinem ”ethischen Sozialismus” als Fluchtpunkt seiner Geschichtsphilosphie wird zudem nicht ausgeleuchtet. So bleibt Mendes-Flohr deutlich hinter den jüngeren Forschungsergebnissen über Hermann Cohen oder über den Marburger Neukantianismus zurück.
Insgesamt wird jedoch das überaus schwierige Problem der Integration der jüngsten Forschung recht gut gelöst. Steven M. Lowenstein nähert sich in seiner vorsichtigen und nuancierten Darstellung der komplexen Frage einer ”deutsch-jüdischen Symbiose”, Monika Richarz beschreibt differenziert die demographische Entwicklung der jüdischen Minorität und diskutiert deren sozialstrukturelle Wandlung im Kaiserreich. Trotz der kleineren Einwände, das breit angelegte thematische Spektrum der nunmehr vier vorliegenden Bände wird diese Sammlung zu einem Standardwerk werden lassen, das jeder zu Rate ziehen wird, wer auch immer in den kommenden Jahren etwas über deutsch-jüdische Geschichte erfahren möchte.
Martin Liepach
Zuerst erschienen in: Jahrbuch für Liberalismusforschung 1998, S.309-312
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